PKV abschaffen? Unbedingt! Und die GKV gleich mit

Der TK-Vorsitzende Jens Baas hat in „FOCUS“ vom 1.10.2026 einer Weiterentwicklung der Gesundheits-Governance das Wort geredet. Wir dokumentieren den Wortlaut und laden zur Debatte ein.

TK-Vorsitzender Jens Baas, in FOCUS, 1.10.2026, Rubrik “Starke Stimmen”

Wie ein besseres System der Krankenversicherung aussehen könnte: Der Chef von Deutschlands größter Krankenkasse hat ein paar Ideen

Jens Baas, 59, ist Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK) mit 12,5 Millionen Versicherten.

Bundeskanzler Friedrich Merz hat mit seiner Formulierung über die Ungerechtigkeiten des dualen Systems aus gesetzlicher Krankenversicherung (GKV) und privater Krankenversicherung (PKV) für viele Diskussionen gesorgt. Leider haben diese Diskussionen häufig den Fokus: Müssen wir die PKV abschaffen? 

Ich halte das für die völlig falsche Frage. Niemand kann ernsthaft bestreiten, dass es ungerecht ist, wenn sich junge, gesunde Menschen mit sehr hohen Einkommen aus einer Solidargemeinschaft verabschieden können. Nur um dann – solange sie jung sind – für niedrigere Beiträge schneller Arzttermine zu bekommen. Viele denken zu diesem Zeitpunkt nicht darüber nach, dass sie die Beiträge später im Alter finanziell überfordern könnten. Aber: Wer nur die Abschaffung der PKV fordert, springt zu kurz und tut so, als ob die GKV ein ideales System wäre. Ein Spoiler an dieser Stelle: Das ist sie auch nicht!

Was wir brauchen, ist eine Diskussion darüber, wie ein neues, besseres System mit Elementen aus GKV und PKV sowie neuen Ideen aussehen könnte. Dieses neue System muss aus meiner Sicht folgende acht Punkte beinhalten:

Keine Risikoselektion: Jeder und jede muss jederzeit diskriminierungsfrei seine Versicherung wechseln können. Nur dann gibt es Wettbewerb im System.

  1. Keine Gewinnzielungsabsicht der Anbieter: 

Aus der Krankenversicherung dürfen keine Gewinne abgeschöpft werden. Trotzdem wäre es auch für private Versicherungen sinnvoll, sich mit Angeboten zu beteiligen, um ihre Versicherten in ihrem Umfeld zu behalten und ihnen weitere Versicherungsprodukte mit und ohne Gesundheitsbezug anbieten zu können.

  1. Zusätzliche Versicherungen: 

Es ist völlig in Ordnung, in der Bahn eine erste und eine zweite Klasse zu haben. Wer für mehr Komfort bezahlen kann und möchte, soll dies tun. Unter der Voraussetzung, dass alle Fahrgäste gleichzeitig (ob pünktlich oder verspätet) ans Ziel kommen. Übertragen auf die Krankenversicherung bedeutet das: Unterschiede darf es geben – aber es ist wichtig, genau zu definieren, wo es diese geben darf. Der Zugang zur Versorgung darf immer nur nach medizinischer Notwendigkeit erfolgen. Ein Einzelzimmer mit Seeblick kann zusätzlich versichern, wer das möchte. Und daran dürfen Anbieter natürlich auch verdienen.

„Jeder und jede muss jederzeit diskriminierungsfrei seine Versicherung wechseln können“

  1. Größere Staatsferne: 

Rücklagen müssen vor dem Zugriff des Staates sicher sein und finanzielle Verantwortlichkeiten des Bundes dürfen nicht an die neue Versicherung übertragen werden. Dies ist aktuell in der GKV nicht gegeben. In der Vergangenheit wurde mehrfach auf die Rücklagen der einzelnen Kassen zurückgegriffen, um die GKV insgesamt finanziell zu stabilisieren. Allein die TK musste mehr als zwei Milliarden Euro abführen. Wer hingegen kaum Rücklagen aufgebaut hatte, musste nichts abgeben. Und für die Versorgung der Grundsicherungsempfänger (früher Bürgergeld) zahlt der Bund seit Jahren keine kostendeckenden Beiträge an die gesetzlichen Krankenkassen – obwohl dies eine staatliche Aufgabe ist. Das zweistellige Milliardendefizit müssen die GKV-Versicherten und ihre Arbeitgeber zahlen.

  1. Selbstverwaltungsstrukturen wieder stärken: 

Das Prinzip der sozialen Selbstverwaltung bedeutet, dass demokratisch gewählte Personen aus den Reihen der Versicherten und Arbeitgeber die Interessen der GKV-Versicherten vertreten. Und das geschieht ganz ohne parteipolitische oder finanzielle Interessen, sondern unabhängig und ehrenamtlich. Dieses Teilhabe-Prinzip muss erhalten und gestärkt werden.

  1. Vertragliche Freiheiten: 

Neben einem klar definierten und einheitlichen Basisprodukt müssen individuelle Ausgestaltungen möglich sein, wie spezielle Verträge mit Leistungserbringern oder zielgenaue Angebote für Versicherte.

  1. Bürokratiearmut: 

Ein neues System muss von Anfang an so aufgesetzt werden, dass Bürokratie minimiert wird. Die Digitalisierung bietet hier mannigfaltige Optionen.

  1. Neues Vergütungssystem für Ärztinnen und Ärzte: 

Diese kalkulieren mit Mehreinnahmen aus GKV und PKV – die Honorarsumme sollte in einem neuen System nicht sinken. Es wäre eine gute Gelegenheit, das Vergütungssystem von Grund auf neu zu regeln. Das heutige ist zu kompliziert, setzt falsche Anreize und verhindert teilweise sogar gute Medizin. Wir brauchen ein faireres, einfacheres und transparenteres Vergütungssystem.

Der Übergang in ein neues System wäre selbstverständlich nicht einfach und würde Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, dauern. Da die Verträge der privaten Krankenversicherungen Bestandsschutz haben, könnte man nur den Neuzugang unterbinden. Die „alten“ Verträge würden dann im Laufe der Zeit verschwinden.

Aber gerade weil der Aufbau so lange dauern wird, sollten wir endlich die Diskussion über ein neues, besseres System beginnen. Nicht mit dem Duktus „die PKV ist schlecht“ oder „die GKV ist schlecht“, sondern mit der ernst gemeinten Frage: Wie können wir ein neues System gestalten, das das Beste aus GKV und PKV verbindet und dabei möglichst viele der Probleme, die die jeweiligen Systeme haben, vermeidet?